Begeisterte Kritiken zu "Das Telefon | Il Tabarro"

Große Gefühle, große Stimmen, große Spannung

Das Operndoppel "Das Telefon | Il Tabarro (Der Mantel) ist nur bis zum 16. Oktober in der Nikolaikirche Freiberg zu erleben, aber man sollte die herausragende Inszenierung von Menottis und Puccinis Einaktern keineswegs verpassen. Das Publikum der ersten beiden Vorstellungen war ebenso begeistert wie die Medien:

 

Freie Presse, Chemnitz 04.10.2021

„Der Zuschauer erlebt am selben Abend zwei Geschichten vom Anfang und vom Ende der großen Liebe. Das ernüchternde Schicksal von Giorgetta und Michele haben Lucy und Ben mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit noch vor sich – hakt es doch schon zu Anfang so mit der Kommunikation. Vielleicht hat andererseits die Geschichte vom Schiffer und seiner Frau einst ähnlich federleicht und spielerisch begonnen wie die von Lucy und Ben. Schmetterlinge im Bauch halten in den seltensten Fällen ewig.

Lindsay Funchal und Uli Bützer agieren mit wunderbarer Leichtigkeit, Temperament, Natürlichkeit und Freude am Spiel; man nimmt ihnen das Liebespaar jederzeit ab, auch da sie ihre Rollen in dieser modernen Opera buffa nicht überzeichnen.

Damit setzen sie von Anfang an emotional einen deutlichen Kontrast zu Elias Han und Leonora Weiß-del Rio. In dieser Opernehe ist die Luft einfach raus. Beide sind müde. Aber es hat auch keiner dem anderen wirklich etwas vorzuwerfen. Das Schicksal hat es nicht gut mit ihnen gemeint. Anders als mit Hafenarbeiter Talpa (Grzegorz Rozkwitalski) und seiner Frau Frugola (Dimitra Kalaitzi-Tilikidou), die gemeinsam ihren glücklichen Lebensabend planen und damit zusätzlich einen bitteren Kontrast setzen. So kurz dieser Puccini, so stimmlich exzellent seine italienisch (deutsch übertitelt) singenden Figuren, Frank Unger als großartiger Luigi und der Chor inklusive.“

 

Der Opernfreund, Köln 03.10.2021

„Das Opernensemble des Mittelsächsischen Theaters stellt in seiner ersten Premiere der neuen Spielzeit Puccinis Mantel dem Telefon von Giancarlo Menotti zur Seite. Ralf-Peter Schulze gelingt in seiner letzten Spielzeit als Intendant dabei ein packender Musiktheaterabend in der dem Theater gegenüber liegenden Nikolaikirche, der nicht nur mit eindrucksvollen Bildern überzeugt.

GMD Jörg Pitschmann spornt die Musikerinnen und Musiker der Mittelsächsischen Philharmonie, die im Telefon von der Pianistin Hui Won Lee virtuos unterstützt werden, zu Höchstleistungen an. Das Orchester ist hinter dem erwähnten Container platziert und lässt beim Puccini doch nichts von klanglicher Präsenz und orchestraler Wucht, bei Menotti nichts von musikalischem Witz und Esprit vermissen. Ein rundum empfehlenswerter Abend geht nach nur 80 Minuten zu Ende. Mir hat es so gut gefallen, dass ich gerne sitzen geblieben und das Ganz noch einmal erlebt hätte. Die Chance dazu haben nun aber Sie, lieber Opernfreund-Freund.“

 

Sächsische Zeitung, Dresden 07.10.2021

„Intendant Ralf-Peter Schulze inszenierte Puccinis „Der Mantel“. Das ist eine ergreifende Operngeschichte, die an emotionaler Kraft und starker Musik einer „Bohème“ gleichkommt, nur in absolut komprimierter Form. Da hat man sogar noch Zeit, eine kleine Opera buffa von Gian CarloMenotti voranzustellen. „Das Telefon“ erzählt von der die Kommunikation zerstörenden Macht jener Technik, als diese noch ein rechteckiger Kasten mit Wählscheibe und einem Hörer war, den man am Gesprächsende in zwei Gabeln hängt.

Dieser heitere, sympathische Auftakt spielt vor einem Schiffscontainer, den Tilo Staudte als zentrales Bühnenbildelement aufgestellt hat. Wie sich dieser im Folgenden entfaltet und mit der im Hintergrund installierten Projektionsfläche immer neue, stimmungsvolle und praktikable Orte ergibt, ist ein Lehrstück dafür, dass Beschränkung herausfordert und geniale Lösungen hervorbringen kann. Regisseur Schulze lässt sich bei der Inszenierung des Chores von der Choreografin Constanze Uhlig unterstützen. Sie gibt dem Herrenchor wenige, ausdrucksstarke Vorgänge, Bewegungen und Haltungen, die mit Künstlichkeit statt Pseudo-Realismus der offenkundigen Theatralität und Überhöhung des Stückes überzeugend Rechnung tragen. Die Damen singen generell von den Emporen oberhalb der Szene. Schulzes Personenführung ist genau und dicht. Während er im „Telefon“ mit vielfältigen Spielideen glänzt, liegt im „Mantel“ der Schwerpunkt auf dem sängerischen Ausdruck. Und diese Sänger tragen das beeindruckend. Jörg Pitschmann, der neue Generalmusikdirektor, hat die musikalische Leitung. Umsichtig führt er das hinter dem Container platzierte Orchester, gefühlvoll gibt er den Sängern Raum und Stütze, sich mit Puccinis effektvoller Musik zu entfalten. Da ist zuerst Leonora Weiß-del Rio als Giorgetta. Die lebenshungrige Schiffersfrau entbrennt in verhängnisvoller Liebe zum Hafenarbeiter Luigi. Sehnsucht, Verlangen und Leidenschaft wie auch die Angst vor Entdeckung werden von ihr und Frank Unger bewegend zu immer neuen Höhepunkten gesteigert. Dramatisch wird es, wenn sie erkennen muss, dass auch ihr Mann sie hemmungslos liebt. Elias Han gestaltet den anfangs mürrisch-verschlossenen Lastkahnbesitzer in einer enormen Steigerung zum tief verletzten, verzweifelt Liebenden, der aus Leidenschaft den Liebhaber seiner Frau tötet.

Kleine Oper ganz groß, mitreißende Stimmen, aufwühlende Musik, bewegende Darstellung, gelungenes Bild: Freiberg macht alles richtig und aus der Situationdas Beste."

 

Dresdner Neueste Nachrichten, Dresden 08.10.2021

„Es ist verblüffend, was hier in kaum eineinhalb Stunden (für beide Einakter!) über die Bühne geht, noch dazu, weil GMD Jörg Pitschmann keinen direkten Blickkontakt mit den Sängern hat. Denn im Schiff der Konzertkirche steht ein Container (Inszenierung: Ralf-Peter Schulze, Ausstattung: Tilo Staudte), die beinahe einzige Requisite der Vorstellung, die sonst mit ein paar wenigen Projektionen im Hintergrund auskommt. Dem Spiel tut dies kein Abbruch, im Gegenteil: Diese konzentrierte, faszinierende Spannung war schlicht atemberaubend!
Nicht zuletzt, weil das Ensemble so überzeugend ist. Nach der jugendlichen Frische von Ben und Lucy treffen wir nun auf ein anderes Paar, einige Jahre älter. Michele (Elias Han) und Giorgetta (umwerfend: Leonora Weiß-del Rio) haben ein Kind verloren. Der Mantel, der den Titel gab, ist ein schmerzvolles Erinnerungsstück. Ihre Ehe ist erkaltet – kein Wunder, wenn sich Giorgetta leidenschaftlich von Luigi (Frank Unger) angezogen fühlt. Trotz der Kürze besticht „Der Mantel“ in seiner szenischen Ausgereiftheit und den Figuren. Mit den streitenden und liebenden Talpa (Grzegorz Rozkwitalski) und dessen Frau Frugala (Dimitra Kalaitzi-Tilikidou), die vom kleinen Glück eines Häuschens auf dem Land träumt, gibt es ein zweites Paar à la Marcello und Musetta aus „La bohème“. Der Chor, auf den vorderen Emporen platziert, kommentiert die Szene, indem er Gedanken, Wünsche, Träume wiederholt – sie scheinen sich nicht verwirklichen zu können. Oder hat Tinca (Murilo Sousa), einer der Löscher, den Weg zum Glück gefunden? Er ist Liederpoet und Trinker und darf in der Vorstellung von der Kanzel der Konzertkirche singen."