Offener Brief der Intendant*innengruppe im Deutschen Bühnenverein

21. April 2020

Offener Brief der Intendant*innengruppe im Deutschen Bühnenverein

Sehr geehrte Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, sehr geehrte Ministerinnen und Minister für Kultur,

unsere Gesellschaft wird auf lange Sicht mit der Lösung von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Problemen befasst sein, die sich aus der gegenwärtigen Krisensituation ableiten. Das gilt auch und besonders für alle Bereiche des öffentlichen Lebens und unserer demokratischen Kultur.

Den Mitgliedern der Intendant*innengruppe im Deutschen Bühnenverein ist es deshalb ein dringendes Anliegen, darauf hinzuweisen, dass die Teilhabe an Kunst und Kultur zu den Grundrechten aller Bürger*innen gehört und damit unverzichtbar ist.

Kunst und Kultur sind wertschöpfend im ideellen Sinne. Vor allem unsere Theater und Orchester öffnen Erfahrungsräume der Demokratie und stärken ein freiheitlich-liberales Selbstverständnis. Sie tragen entscheidend zum freien Diskurs, zu demokratischer Bildung und zum empathischen Miteinander bei. Da unsere Häuser momentan ihrer künstlerischen Arbeit nicht nachgehen können, ist es unbedingt nötig, diesen Verlust mit der angemessenen Aufmerksamkeit zu versehen. Von allen Einzelkünstler*innen, über kleine Galerien, Ausstellungen und Museen, freie künstlerische Projekte bis hin zu den Stadttheatern, Landesbühnen, Kinder- und Jugendtheatern, Mehrspartenhäusern und den Opern-, Tanz- und Schauspielbühnen unserer Metropolen eröffnet sich eine Bandbreite, die der Wertschätzung bedarf. Kulturelle Belange müssen mit hohem Stellenwert für eine schrittweise Krisenbewältigung ins Auge gefasst und dürfen im öffentlichen Diskurs nicht ausgeblendet werden.

In vollem Respekt gegenüber allen existentiellen gesellschaftlichen Problemfeldern halten wir progressive Aussagen zur langfristigen Erhaltung und Unterstützung unserer Theater- und Orchesterlandschaft
für unabdingbar.

Viele Kommunen und Landkreise werden Sparmaßnahmen vornehmen und Einschränkungen diskutieren, die alle öffentlichen Belange einschließen. Auch die Länder werden komplex mit
denselben Fragen konfrontiert sein und Entscheidungen treffen müssen.

Da alle kulturelle Einrichtungen in den vergangenen Jahren ihre Strukturen bereits mit hoher Effizienz umgestaltet haben, in vielen Fällen sogar auf notwendige personelle Besetzungen verzichten mussten, würden Reduzierungen oder Einschnitte sehr folgenreich verlaufen. Das gilt ganz ausdrücklich auch für alle privaten Kultureinrichtungen, für die gesamte freie Kunstszene und alle einzeln arbeitenden Künstler*innen.

Die bisher getroffenen politischen Maßnahmen zur raschen Abfederung wirtschaftlicher Einbrüche oder existentieller Nöte waren aus unserer Sicht richtig. Für den Kulturbereich sind sie jedoch oft unzulänglich und praktisch schwer anwendbar geblieben. Die Defizite durch ausfallende Vorstellungen, Konzerte und Veranstaltungen werden zudem erst erkennbar sein, wenn sich die Rahmenbedingungen für künstlerische Arbeit normalisiert haben.

Um die Folgen der aktuellen Krise zu bewältigen und die öffentliche Finanzierung von Kultur auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene zu sichern, bitten wir Sie dringend, mit uns gemeinsam über sichernde Regelungen nachzudenken. Dies ist akut notwendig. Ohne Vorausschau und Planungssicherheit ist für die Bürger*innen unserer Republik eine umfassende Teilhabe am kulturellen Leben nicht verlässlich zu gewährleisten.

Bitte helfen Sie uns, auch in Zukunft eine vielschichtige, differenzierte und kritische Kunst- und Kulturlandschaft zu sichern und zu gestalten! Die Mitglieder der Intendant*innengruppe im Deutschen Bühnenverein stehen Ihnen jederzeit für einen konstruktiven Austausch zur Verfügung.

Hochachtungsvoll

Dr. Kathrin Mädler und Hasko Weber
Vorsitzende der Intendant*innengruppe