Schauspiel

»In einem alten französischen Lied heißt es: L'amour est l'enfant de la liberté … Liebe ist ein Kind der Freiheit …«

Liebes Publikum!
Gegenwärtig gibt es auch irritierende Gemeinsamkeiten zwischen Menschen. Sie bangen um ihr Leben: die Einen hoffen, einem unerträglichen Leben noch entkommen zu können, und Andere fürchten, dass jenes Leben, das sie für sich vorgesehen haben, ihnen verloren geht. „Die Zeit ist aus den Fugen“ - doch diese ausgefugte Zeit dürfen wir gestalten; ohne Gewaltentladungen gesellschaftlicher Widersprüche. Notwendiger Gestaltwandel braucht unsere Nachgiebigkeit, auch in Bezug auf unsere eigenen Überzeugungen, damit wir nicht in Kälte erstarren, Angstfreiheit erzeugen können. Denn nicht alles Unerwartete ist Krise; Gesellschaften, soziale Entwicklungen sind nie stabil, nicht linear. Die Frage nach dem Wesen von Liebe & Freiheit wird uns durch die Spielzeit begleiten. In Shakespeares „Hamlet“, nun neu im Repertoire, zersplittert sie in einem Kreislauf der Gewalt; blinde Praxis verjagt Utopien und ein neuer König schiebt die Wirklichkeit ab. Wir wollen weitere Geschichten suchen. „Etwas muss falsch sein an unserer Welt. Soll es ein anderer Mensch sein? Oder eine andere Welt?“ fragt Shen Te in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“. Die Forderung nach Nächstenliebe und Güte, wie ist sie heute zu verstehen? Die Wurzeln des Toleranzdenkens, wie schützen wir sie. In der griechischen Polis fand man eine sich unermüdlich austauschende Gesellschaft, Gemeinsinn entstand, Autorität wuchs erst am Ende des Denkens, nicht an seinem Anfang. Götter und Könige waren nicht heilig, sie irrten auch, und: die Angelegenheiten der Bürger Athens wurden im Theater verhandelt. Mit einem Antike-Projekt im Frühjahr, mit all unseren Stücken im Schauspiel, suchen wir diese Themen auf. Liebes Publikum, ein junges Mädchen aus unserer Region schrieb uns eine Geschichte: da konnten Städte aus dem Gras wachsen, als Heimat für viele, aber die Menschen hatten das Zauberwort vergessen. Wachstum hieß es jedoch nicht … Im Spannungsfeld zwischen Freiheit & Liebe, zwischen aus dem Gras geträumten Städten und Aggression - Theater kann verzaubern, und wenn es bewusst entzaubert, dann auch, um mit kritischer Begeisterung Leben im Neuland zu beschreiben und zu finden.
Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Theaterarbeit und wir freuen uns auf Sie - bis bald!
Ihre
Annett Wöhlert
Schauspieldirektorin