Schauspiel

Liebes Theaterpublikum!
»Wäre die Welt eine Bank, hättet ihr sie schon längst gerettet« – hinter vielen dieser kreativen Texte einer weltweiten ›Fridays for Future‹-Generation, für welche der Klimawandel kein abstraktes Szenario ist, sondern ein tatsächlicher Vorgang, stecken Fragen. – Warum rettet ihr die Welt nicht, aber die Banken? Act Now! Warum ist der Fisch nicht in der Packung, aber die Packung im Fisch? Warum denkt ihr, wir seien zu jung, um zu handeln?
Die richtigen Fragen zu stellen ist eine Kunst; schon das antike Theater sammelte wie ein Spiegel der Zeit hellhörig ihre Fragen auf, trug Sorge für einen Vorrat an Vertrauen in unsere Handlungsmöglichkeiten. Ob mit Shakespeare, Beckett oder Lubitsch, mit Shaffer, Hacks, Poiret oder Hübner: wir gehen mit der Welt eine Beziehung ein und wir finden welthaltige Stoffe vor, die lebendige Erzählungen unserer Zeit werden.
Die ›Fridays for Future‹-Demonstranten formulieren mit ihren Haltungen auf den Plakaten (einige davon finden Sie als Zitat auf den nachfolgenden Seiten) auch ihre Beziehung zur Welt, und vor allem konkret zu uns: sie fordern einen tiefgreifenden Wandel von uns allen, ohne weiteres Zögern; sie schließen weltweit niemanden aus der Verantwortung aus, haben sich Wissen verschafft – Denken macht Freude – und sie melden Bedarf an, die Welt zu retten.
Kühn und weltrettend gedacht ist auch der Plot, den ein polnisches Theaterensemble erfindet, um sein Theater und den polnischen Widerstand zu retten. Im Jahr 1939, nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen, wird Sein oder nicht sein für sie zur realen Frage, und sie beantworten sie mit ihren ureigenen Theatermitteln. In einer Politfarce und mit einer furiosen Parodie auf ihre Besatzer. Ernst Lubitsch verfilmte die Geschichte der Drehbuchautoren Justus Meyer und Melchior Lengyel 1942, Nick Whitby bearbeitete sie für die Theaterbühnen; und angesichts des weltweiten Erstarkens des Rechtspopulismus, aber viel mehr, weil wir ein kulturelles Gedächtnis brauchen, um unsere Gegenwart zu verstehen, haben wir uns ganz bewusst dafür entschieden, sie zu spielen. Sie hält eine besondere spielerische Entgegnung bereit – das Lachen aus tiefem Ernst.
»Der Mensch das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« – das spüren auch jene, die freitags auf die Straße gehen; von denen manche vier Sprachen sprechen und sich dennoch den ‚Bildungsbruch‘-Befürchtungen ihrer Kritiker ausgesetzt sehen, deren Faktenwissen sie jedoch oft um Längen übertreffen. Und sie schaffen es, der Vereinzelung und den ‚Rissen‘ in der Gesellschaft ein gemeinsames Projekt entgegenzusetzen, dessen hoffnungsvoller Wesenskern »Schutz« heißt. Diese kreative Lust am Hinschauen und Handeln macht Ensembles aus, einzigartig und schützenswert ist der Gedanke der Theaterensembles, in denen sich ein künstlerischer Ausdruckswille formt durch Widersprüche, durch Wissen, durch Talent. Jeder Impuls der Theaterarbeit meint Viele, und mit nur einem Impuls geht es um all das, was man in – sonst verschlossenen – Welten erkunden kann: die rasende Zeit, Lüge und Wahrheit, Macht und Ohnmacht, die Liebe, Demokratie, Glaube, die Freiheit; Raum für eine fragende Fantasie, die mit der Fantasie unseres Publikums in den Dialog tritt. Kommen Sie zu uns ins Schauspiel und diskutieren Sie mit uns über die Themen unserer Stücke, über die Sie auf den nächsten Seiten viel erfahren werden. Lassen Sie uns das Gegenwärtige, ebenso das Beunruhigende und unübersichtlich Scheinende gemeinsam erleben und – hinsehen; das Theater ist der beste Ort dafür, es ist nicht nur unsere künstlerische Heimat in den Städten und der Region, es ist auch Ihre, wenn Sie mögen.
Herzlichst, Ihre
Annett Wöhlert
Schauspieldirektorin